Center for Advanced Studies LMU (CAS)
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Ernesto Grassi in München. Aspekte von Werk und Wirkung

Internationales Symposium am Center for Advanced Studies der Ludwig-Maximilians-Universität München unter Leitung von Prof. Dr. Eckhard Keßler (LMU).

17.09.2014 – 19.09.2014

Das Gebäude Seestraße 13, in dem heute das Center for Advanced Studies der LMU München untergebracht ist, diente für ein gutes Jahrzehnt, von 1956 bis 1968, dem Philosophien Ernesto Grassi (1902-1991) als privates Wohnhaus. Grassi gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den bekanntesten und einflussreichsten Professoren der Münchner Universität, an der er über seine Emeritierung hinaus bis ins Jahr 1973 lehrte. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, um in einer internationalen Tagung Aspekte von Grassis Werk genauer zu untersuchen wie auch seine intellektuelle Biographie in den Blick zu nehmen. Im Vordergrund sollen dabei sein Wirken an der Münchner Universität, seine Auseinandersetzung mit der deutschen Philosophie, seine Versuche zur Neukonstituierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und schließlich seine internationale Ausstrahlung stehen.

Grassi schien durch seine Herkunft für eine Vermittlerrolle zwischen der italienischen und der deutschen Kultur geradezu prädestiniert zu sein: Von seiner Mutter her deutscher Abstammung, wuchs er in Mailand auf, wo er 1925 in Philosophie promovierte. Um sich mit neueren Entwicklungen der deutschen Philosophie vertraut zu machen, bereiste er 1928 einige deutsche Universitätsstädte und blieb für die folgen­den zehn Jahre in Freiburg, um sich dort mit dem Denken Martin Heideggers zu be­schäftigen. 1938 wechselte er, offenbar auch durch berufliche Perspektiven motiviert, an die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Schon dort entstanden erste Zeitschrif­ten­projekte, die er gemeinsam mit dem Gräzisten Karl Reinhardt und dem Religions­wissenschaftler Walter F. Otto realisieren konnte. Aufgrund seiner guten persönlichen Kontakte in die italienische Bildungspolitik wurde er mit der Gründung eines deutsch-italienischen Kulturinstituts betraut, dem Institut "Studia Humanitatis", das am 7. Dezember 1942 feierlich eröffnet wurde.

Schon kurz nach dem Ende des Krieges, das er an wechselnden Orten in Italien und der Schweiz verbracht hatte, bot sich ihm die Möglichkeit, wieder im deutsch-italienischen Kulturaustausch tätig zu werden. Mit Unterstützung unter anderem auch des bayerischen Kultusministers Alois Hundhammer kam es im Mai 1948 zur Gründung des Centro Italiano di Studi Umanistici e Filosofici in München. Grassi leitete das Institut als Sekretär, ab dem Wintersemester 1948/49 verbunden mit einer Honorar­professur für "Geistesgeschichte und Philosophie des Humanismus" an der Ludwig-Maximilians-Universität. Gleich zu Beginn konnte Grassi Wissenschaftler nicht nur aus Deutschland, sondern aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA zu Vor­trägen an das Zentrum einladen und gehörte damit zu den ersten, die wieder einen internationalen wissenschaftlichen Austausch an deutschen Universitäten zum Leben erweckten.

Die Chance auf breitere öffentliche Wirkung bot sich Grassi, als er im Frühjahr 1954 durch den Verleger Ernst Rowohlt das Angebot erhielt, eine Reihe mit wissenschaftlichen Taschenbüchern herauszugeben. "Rowohlts deutsche enzyklopädie" oder rde, wie sie abgekürzt hieß, wurde unter Grassis Herausgeberschaft für 308 Bände oder fast 25 Jahre, nämlich bis 1978, zu einem Markenzeichen für das anspruchsvolle Sachbuch, das gleichzeitig auf Breitenwirkung angelegt war.

Grassis Anliegen war es, den Humanismus nicht im Sinne einer rein philologischen oder historischen Beschäftigung mit den Werken der Antike und der italienischen Renaissance wiederzubeleben, sondern als "prinzipielle Erforschung dessen, was das Wesen des Menschen ausmacht". Entsprechende Überlegungen formulierte er schon seit den dreißiger Jahren in der Auseinandersetzung mit Werner Jägers "Drittem Humanismus“. Im Vordergrund stand für ihn dabei die direkte Anknüpfung an die Antike durch die Interpretation der Texte der klassischen Philosophie, insofern die Antike auch den Ursprung unserer eigenen Tradition darstellt. Gerade in der Situation der Nachkriegszeit schien ihm die Rückbesinnung auf diese Überlieferung von großer Wichtigkeit zu sein, und diese Überlegungen bestimmten auch das Programm von "rowohlts deutscher enzyklopädie". Über die bloße Vermittlung von Wissen hinaus war es in dieser Reihe der Anspruch Grassis, seine Vorstellungen von einer zeitgemäßen Form der Bildung zu realisieren, die er als "Erziehung zum theoretischen und methodischen Denken und Mitdenken" verstand. In der "Umbruchsituation" nach dem Krieg, in der "die traditionellen Überlieferungen ins Schwanken gekommen" waren, schien es ihm von besonderer Bedeutung zu sein, einer breiten Leserschaft die Möglichkeit zu geben, sich direkt mit den anspruchsvollsten Theorien ihrer Gegenwart auseinandersetzen zu können.

Unter den Themen, die Grassi in seinem späteren Werk vor allem beschäftigten, nehmen die Frage nach dem Verhältnis von Rhetorik und Philosophie, nach Bild und Metapher sowie den vor-rationalen Grundlagen des rationalen Denkens eine bedeutende Stellung ein.

Die Tagung soll zu einem umfassenden Bild von Grassis Denken und Wirken im Zusammenhang mit seiner Zeit beitragen. Aus diesem Grund sollen bei dieser Gelegenheit zum Einen Aspekte seines Denkens in Auseinandersetzung oder Abgrenzung von seinen Zeitgenossen diskutiert werden; zum Anderen soll seine Arbeit im zeitgenössischen Kontext situiert und damit ein Baustein zur Ideengeschichte der jungen Bundesrepublik geliefert werden.

Die Beiträge werden sich mit dem Denken und der Biographie Grassis in philosophiehistorischer, wissenschafts- oder ideengeschichtlicher Perspektive auseinandersetzen.

Ort

CAS, Seestraße 13, 80802 München

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