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Hinterlegt ist der lullische Wissensbaum auf unserer Internetseite mit einer ornamenthaften Darstellung; in den Medaillons zwischen dem Rankenwerk lassen sich in dem gezeigten Ausschnitt die Worte "La Pharmacologie" oder "La Chirurgie" entziffern. Diese Zeichnung veranschaulicht das "System der menschlichen Kenntnisse", das Denis Diderot und Jean Le Rond d'Alembert zufolge die innere Logik der von ihnen herausgegebenen Encyclopédie (1751-1772) ausmacht, die Logik, die hinter der alphabetischen Präsentation des Wissens in einzelnen Artikeln liegt. Folgt man den Zweigen, an denen sich "Pharmakologie" und "Chirurgie" befinden, so münden beide in den gemeinsamen Ast der Medizin ein; von dort geht es weiter über Zoologie, spezielle Physik und Naturwissenschaft zur Philosophie als einem Teilbereich der Vernunft. Diese macht, gemeinsam mit Gedächtnis und Einbildungskraft, im Schema Diderots und d’Alemberts die menschlichen Verstandeskräfte aus.

Auf diese Weise bestätigt die Encyclopédie ihren Anspruch auf Vollständigkeit in mehrfacher Hinsicht - nicht nur durch die Zusammenstellung des "auf der Oberfläche der Erde verstreuten Wissens", wie die Herausgeber schreiben, in einem gewaltigen, 17 Text- und 11 Tafelbände umfassenden Nachschlagewerk, sondern auch durch die Klassifikation und damit Systematisierung der Gesamtheit aller verfügbaren Kenntnisse. Entsprechende Ansätze bestanden zwar schon seit dem Ausgang des Mittelalters, doch beginnt  die große Zeit der enzyklopädischen Nachschlagewerke erst im 18. Jahrhundert. Denn während die mittelalterlichen Wissensbäume noch daran ausgerichtet waren, eine vorgegebene Ordnung des Kosmos und seiner Repräsentation nachzuvollziehen, so ist die epistemologische Situation seit dem 17. Jahrhundert durch eine explosionsartige Vermehrung der menschlichen Wissensbestände und die Herausforderung gekennzeichnet, für diese an einem Ideal empirischer Wissenschaften orientierte Ordnungskriterien zu entwickeln. Diderot und d'Alembert stellen die von ihnen im Anschluss an Francis Bacon entwickelte Systematik ursprünglich nicht in der organischen Form eines Baumes dar, sondern in einem schematischen Tableau, das im Gegensatz zum nach oben strebenden, verzweigten Baum horizontal organisiert war. Die hier abgebildete ikonographische Darstellung der enzyklopädischen Taxonomie entstammt nicht der Encyclopédie selbst, sondern ist eine nachträgliche bildhafte Übersetzung, die ein deutscher Bewunderer der Enzyklopädisten, Christian Friedrich Wilhelm Roth, 1772 veröffentlichte. An diesem Bild lässt sich der Spezialisierungsgrad einer Wissenschaft an der Entfernung messen, die sie vom Stamm des Baumes trennt.

Literatur:

  • Thomas Macho, Stammbäume, Freiheitsbäume und Geniereligion. Anmerkungen zur Geschichte genealogischer Systeme, in: Sigrid Weigel (Hg.), Genealogie und Genetik. Schnittstellen zwischen Biologie und Kulturgeschichte, Berlin 2002, S. 15-43.
  • Sigrid Weigel, Genealogie. Zu Ikonographie und Rhetorik einer epistemologischen Figur in der Geschichte der Kultur- und Naturwissenschaft; in: Schramm, Helmar u.a. (Hg.): Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst, Berlin 2003, S. 226-267.
  • Frances A. Yates, The Art of Ramon Lull. An Approach to it through Lull’s Theory of the Elements, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 17 (1954), S. 115-173.

Bildnachweis:

Die in diesem Beitrag verwendeten Abbildungen sind Werken aus dem Besitz der Universitätsbibliothek entnommen. Wir danken für die freundliche Erlaubnis zur Wiedergabe.